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*Üben / Technik / Geist

Üben/Technik/Geist

Einleitung zum Abschnitt über das Üben(Practice)
Aus Earl Hartman's Principles of Training
deutsche Übersetzung und Veröffentlichung mit der freundlichen Genehmigung von Earl Hartman / zum Original


Fortgesetztes, korrekt durchgeführtes Üben aus lauterer Seele und Geist ist der einzige Weg Kyudo zu verstehen. Nichts kann an dessen Stelle treten.


Wie jedoch kannst du deine Seele so klären, dass Sanmi Ittai, Seisha Hitchu und das Shaho verwirklicht werden können? Die Antwort ist sehr einfach: Indem du Kyudo übst. Um Murakami Hanshi anzuführen: "Es ist notwendig durch das Üben von Technik in deiner alltäglichen Praxis seelische und geistige Aspekte  des Kyudo wie Beruhigung des Denkens, die Entwicklung geistiger Kraft, mentale und geistige Konzentration und Entschlossenheit hinlänglich zu meistern"* (Hervorhebung durch Schrägschrift vom Autor). Suzuki Hiroyuki Hanshi sagt: "Schießen ist aufrichtig und ein Spiegel, deshalb werden sich irgendwelche Unehrlichkeiten oder Probleme, die du möglichlicherweise hast, sicher in den Ergebnissen zeigen".** Zusammengefasst bedeuten diese Statements ganz einfach, dass die Ergebnisse des Schießens zeigen werden, in welchem Maße du dich auf deine Kunst verstehst und dass der einzige Weg Kyudo zu verstehen darin besteht, es zu üben.



Yoshimi Junsei sagt es in seinem Vorwort zum Shaho Kun vielleicht am besten:"Indem du nur bei dir selbst Einkehr hältst musst du deine Seele läutern und deinen Körper korrigieren, und in aller Einfachheit der Zwecksetzung die angemessene innere Einstellung nähren. Übe dich selbst in korrekter Technik und werfe dich in dein Üben mit all der Ernsthaftigkeit, die du aufbringen kannst. Das ist der einzige Weg."

Was meint Yoshimi Junsei mit Reinigen der Seele und dem Nähren einer angemessenen inneren Einstellung?


Ich glaube, dass Läutern der Seele bedeutet, dass du nichts in deiner Seele haben darfst, das dich daran hindert im Einklang mit dem Shaho zu schießen. Die richtige Einstellung bedeutet sorgfältig, aus lauteren Beweggründen, mit reinem Sinn zu üben, dass du alle Gedanken an Gewinnen oder Verlieren aus deiner Seele streichst und danach strebst nur um des Schießens willen zu schießen. Unglücklicherweise gibt es Menschen mit dieser Art von  wirklich reiner Gesinnung äusserst selten. Deshalb ist es eines der Ziele im Kyudo durch  das Üben eines angemessenen Schießens  diese innere Einstellung zu nähren.


Menschen tun Dinge aus vielen Gründen. Ohne es zu wissen haben die meisten Menschen Hintergedanken oder unsaubere Beweggründe für ihre Taten und diese Beweggründe beeinflussen ihr Kyudo. Manche Menschen wollen für das, was sie vollbringen, gemocht und bewundert werden; andere sind auf Stellung und Macht aus; wieder andere  lieben den Wettkampf und die hohe Bewunderung, die sie aus dem Sieg für sich herausziehen; einige fürchten das Verlieren und scheuen alles, was mit Wettkampf zu tun hat; die einen  haben eine hohe Selbsteinschätzung und glauben deshalb ihr Weg sei der richtige während die anderen falsch liegen; andere denken gering von sich und stellen jedermanns Meinung über die eigene. Die tiefsten Charakterzüge der Menschen, auch die, die sie nicht kennen, wirken in allem, was sie tun, eingeschlossen in ihrem Schießen. Eine körperlich kräftige Person schießt mit Zuversicht und Kraft, aber auch mit viel Aggression  und roher Wucht. Das Schießen einer seelisch schwachen Person wird schwankend sein und an Entschiedenheit mangeln. Ein unberechenbarer Mensch wird unberechenbar schießen. Ein schlampiger wird schlampig schießen. Das Schießen eines angespannten Menschen fällt angespannt aus und das eines zornigen Menschen zornig. So wie die Person ist, so ist ihr Schießen.


Fernerhin muss das Kyudo selbst auf eine ausgewogene Weise verstanden werden. Manche Leute denken der Bogen könne mit dem Körper alleine gezogen werden. Deshalb konzentrieren sie sich nur auf die Technik und vernachlässigen es ihren Geist zu kultivieren.  Wenn solche Leute stark, voll Selbstvertrauen und athletisch sind, können sie sehr leistungsfähige Bogenschützen werden, manche sogar ziemlich rasch. Jedoch ist ihr Können begrenzt und  und sie stecken oft auf, wenn sie auf innere Widerstände stossen, die zu überwinden zuviel Aufwand erfordern würde. Auf der anderen Seite glauben Leute, dass Technik sekundär, und nur die innere Einstellung wirklich wichtig sei, und wenn sie sich nur in das, was sie für den richtigen Rahmen halten,  hinein begäben, würde das das Schießen schon irgendwie von selbst entstehen lassen.

       Murakami Hanshi jedoch sagt, dass "Kyudo aus Technik und kokoro (Seele) besteht. Kyudo kann nicht ohne Technik bestehen,  aber kann auch nicht aus Technik alleine bestehen. Technik und Seele müssen wie die zwei sich umschlingenden Stränge eines Seils  vereinigt sein". *** Der physische Akt des Schießens kann nicht  von Seele und Geist getrennt werden. Es gibt hier kein blosses Nebeneinander von Seele und Körper oder Technik und Geist. Sie sind  wechselseitig abhängig voneinander, insofern wird bei richtigem Üben der Technik deine Seele und Geist mittrainiert. Dem westlichen Geist mag das nicht so offenkundig sein wie es klingt; aber es ist eines der fundamentalsten Dinge, die es im Üben des Kyudo zu verstehen gibt. Das bedeutet in der Praxis, dass jede physische Tat als Spiegel für den Zustand von Seele und Geist gesehen wird. Deshalb, hast du erst einmal die Technik bis zu dem Punkt, wo du mit angemessener Ausdruckfähigkeit schießen kannst, vorangetrieben, beginnt der Lehrer den Geist, mit dem du schießt, immer genauer anzuschauen. Die Qualität deines Schießens enthält den Schlüssel deinen Geist zu verstehen.


*Kyudo Manual, Vol.IV, p. 183, übersetzt vom Autor

** Kyudo Manual, Vol. IV, p. 143, übersetzt vom Autor

*** Kyudo Manual, Vol.. IV, p. 179, übersetzt vom Autor

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